Verschwörungstheorien im Netz – harmloser Spass oder Gefahr?

Verschwörungstheorien in Social Media
Quelle: SYZYGY1 Media

Ob Illuminaten, Chemtrails oder die berühmten Echsenmenschen – Verschwörungstheorien sind wohl so alt wie die Zivilisation selbst. Die meisten von ihnen lassen sich zwar innerhalb kürzester Zeit wissenschaftlich widerlegen, das hat ihrer Beliebtheit aber keinen Abbruch getan. Wie kommt es also, dass sich Menschen trotzdem offensichtlich falschen Tatsachen beschäftigen? Und wieso scheinen Verschwörungstheorien vor allem in den sozialen Netzwerken so im Aufwind zu sein?

Alles nur Querdenker?

Geht es um Verschwörungstheorien, winken die meisten Menschen sofort entnervt ab – für sie sind Anhänger solcher Theorien schlichtweg Spinner, die man nicht weiter beachten sollte. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, wie zum Beispiel der Tübinger Wissenschaftler Michael Butter in seinem Buch zu bedenken gibt. Er ist der Ansicht, dass Verschwörungstheoretiker ähnliche Techniken anwenden wie Wissenschaftler – kritisches Hinterfragen von allgemein anerkannten Tatsachen, das Entwickeln von Theorien – sich dann aber in ihrer Weltanschauung verlieren, da sie bestimmten Personen oder Gruppen viel zu grosse Macht zusprechen.

Letztlich dienen Verschwörungstheorien den einzelnen Anhängern dazu, die Vorgänge in einer extrem komplex gewordenen Welt mit ihrer Sicht der Dinge in Einklang zu bringen. In den USA erschiesst jemand wahllos Leute oder im Nahen Osten sprengt sich jemand in einer Menschenmenge in die Luft? Das kann nicht sein, so etwas würde niemand tun. Das muss von einem Geheimdienst inszeniert worden sein.

Für die meisten Menschen sind solche Ansichten schlichtweg lächerlich und sie nehmen Verschwörungstheoretiker nicht ernst. Über Jahrhunderte war das vermutlich auch die beste Art, mit diesen Leuten umzugehen – aber mit dem Aufkommen von Social Media hat sich das geändert. Heutzutage reicht es nicht mehr, sich einfach anderweitig zu vergnügen, und etwa einen Spaziergang im Park zu machen oder eine Runde im Casino online zu spielen. Denn Verschwörungstheorien können potentiell auch gefährlich sein.

Technik wirkt als Verstärker

Das Internet hat den Austausch von Informationen immens erleichtert und auch kleinen Gruppen die Möglichkeit gegeben, ihrer Meinung in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Das ist grundsätzlich natürlich etwas Gutes, es wird allerdings mehr und mehr für politische Zwecke missbraucht.

Ein Grund für diese Entwicklung sind die technischen Möglichkeiten, Bilder und Informationen im Allgemeinen zu manipulieren. Das hat bei vielen zu einem grundlegenden Misstrauen gegenüber den etablierten Medien geführt. Stattdessen nutzen sie alternative Quellen – und dazu zählen in der Regel soziale Netzwerke, in denen sich sehr leicht falsche Informationen verbreiten lassen. Das lässt sich gut am Beispiel von Alex Jones zeigen, einem der wohl bekanntesten Verschwörungstheoretiker im Netz. Der US-Amerikaner zweifelt regelmässig sogenannte „mass shootings“ und Anschläge an, die laut ihm nur von der US-Regierung inszeniert werden, um politische Ziele wie etwa schärfere Waffengesetze zu verfolgen. Das an sich wäre wohl noch nicht so problematisch, denn Jones hat in den USA das Recht, seine Meinung frei zu äussern. Gefährlich wird es erst durch die massive Unterstützung seiner Kanäle, die zu einem Gutteil auf Social Bots basiert. Diese Computerprogramme „besitzen“ ein eigenes Konto im jeweiligen sozialen Netzwerk und kommentieren automatisiert bestimmte Beiträge. Dadurch erscheinen die Beiträge den Algorithmen des Netzwerks als besonders wichtig und sie werden echten Nutzern als Empfehlung vorgeschlagen. So verbreiten sich Jones’ Ansichten, obwohl er eigentlich nur ein einzelner Bürger am Rande des politischen Spektrums ist.

Wenn die Blase drückt…

Dieser Effekt wird durch die Algorithmen der sozialen Netzwerke noch verstärkt, denn für Vorschläge beziehen sie das bisherige Verhalten des Nutzers ein – hat der sich ein oder zwei Videos von Jones angeschaut, tauchen vermutlich noch weitere Videos zu den unterschiedlichsten Verschwörungstheorien auf. So kann sich eine Informationsblase bilden, in der der Nutzer mehr oder weniger freiwillig festsitzt – andere Sichtweisen kommen gar nicht mehr zum Tragen.

Diese Entwicklung machen sich viele Interessengruppen am Rand der Gesellschaft zunutze – in Europa sind insbesondere Rechtspopulisten mit dieser Strategie sehr erfolgreich. So gibt es in der Schweiz etwa die alternative Newsseite „Alles Schall und Rauch“, auf der vor allem Falschmeldungen zu Flüchtlingen veröffentlicht werden, um Stimmung gegen diese Menschen zu machen. Aber auch „klassische“ Verschwörungstheorien wie Chemtrails und die „inszenierten Anschläge vom 11. September“ finden in der Schweiz auf Seiten wie „Uncut-News.ch“ und „We Are Change“ Verfechter, die für die „Wahrheit“ kämpfen.